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Etappe 4, Tag 15: Villefranche-sur-Saône – Lozanne (20 km, Dienstag, 03.04.2012)

Nach längerem Marsch durch Vororte steigt der Weg an, hinauf zur Chapelle Notre Dame de Buisante. Der Anstieg hatte sich aber gelohnt, ein wunderbarer Rundblick über das gesamte Beaujolais im Westen und die Bresse im Osten. Nach der Durchquerung des hübschen Weindorfs Pommier sah ich auf der anderen Straßenseite hinter einer Mauer einige Männer immer auf und ablaufen. Die Neugier trieb mich rüber, sie spielten Boule und nach kurzem Zuschauen spielte ich auch schon mit. Nach etwa einer Stunde hieß es, dass jetzt Essenszeit wäre und ich war auch schon eingeladen. Nach kurzem Sträuben hatte ich auch schon einen Beaujolais blanc in der Hand und saß im großen Wohnzimmer des prächtigen Anwesens. Sie erzählten mir, das sie die Männer wären, die für die „Ville fleurie“ verantwortlich wären und ich doch großes Glück hätte, denn sie würden sich nur einmal im Jahr zu einem Essen treffen, und da wäre ich jetzt dabei. Dann erschien auch schon eine junge Winzerin mit dem Wein und los gings mit dem Menue. Die Stimmung stieg stetig, die alten Knaben fühlten sich durch meine Anwesenheit sichtlich gefordert und gaben ihr Bestes mit immer geschliffeneren Beiträgen und Gedichten. Zwischendurch stellte die Winzerin dann einige ältere Jahrgänge vor (06 bis 08), die waren wirklich erstaunlich gut gereift. Ich erwähnte auch hin und wieder, dass ich jetzt weiter müsste, was aber weiter nicht beachtet wurde. Gegen 16:00 Uhr bestand ich dann auf meinen Aufbruch, aber sie meinten eine Partie Boule müsste schon noch drin sein, sie würden mich auch an meinen Zielort fahren. Wir einigten uns dann darauf, dass sie mich bis ins nächste, 10 km entfernte Dorf fahren würden, den Rest bis Lozanne wollte ich schon noch zu Fuß gehen, und so geschah es dann auch.

Jetzt fehlen mir 10 km auf meinem Jakobsweg.

Eine ausführliche Beschreibung des Tages

Vor mir stand der Wegweiser, links lag das Dorf Pommier; nach rechts wies das Wanderwegzeichen mit der Ortsangabe „Pommier“. Meine bisherigen Erfahrungen mit der Ausschilderung von Wanderwegen durch Frankreichs offene Landschaft hatte zu einem gewissen Grundmisstrauen in die Verlässlichkeit dieser Hinweise geführt. Ich wollte zwar nicht mehr, dass mir der Gedanke „bei uns ist das besser“ durch den Kopf zuckt, aber hier lag er wieder mal in einem Winkel meines Bewusstseins, im Schwarzwald war die Wegführung meist wirklich etwas zielführender als ich es bisher in unserem westlichen Nachbarland erlebte. Andererseits musste ich zugeben, dass die Fehlweisungen, die ich in den letzten Tagen erlebt hatte, durch das französische System der Führung durch Farbkleckse verursacht worden war. Offensichtlich vollzog sich die Markierung von Wanderwegen hier auf eine bestimmte Weise: einer, der sich einigermaßen in der Gegend auskannte wurde mit einem Eimer Farbe – meist rot – und einem Pinsel losgeschickt, und der Weg wurde dadurch markiert, dass hin und wieder ein Klecks Farbe an Bäume, Felsen oder andere Teile der Landschaft verteilt wurde, Irrwege des Markierers konnten so eben auch geschehen und an die Wanderer weitergeleitet werden. Eine im Grunde sympathische Herangehensweise an die Aufgabe der Wanderwegsmarkierung, die aber manchmal eben eine gewisse Fehlinterpretation und Ratlosigkeit auf Seiten des Wanderers zur Folge hatte.

Hier war es aber kein Farbklecks, sondern ein Schild mit Namen und Richtungspfeil, das strahlte doch etwas Seriosität und Verlässlichkeit aus.

Schon der morgendliche Weg vom Hotel durch die Vororte von Villefranche raus aus der Stadt hatte bei der Suche nach dem richtigen Weg mehr einem tastenden Vorgehen nach dem Prinzip Versuch und Irrtum geglichen, bis ich dann nach den letzten Häusern der Stadt, die ja glücklicherweise irgendwann kommen mussten, den Hügel mit der Statue der Jungfrau obendrauf sehen konnte, und da es ja immer leichter ist seinen Weg zu finden, wenn man das Ziel vor Augen hat, stand ich eine Viertelstunde später schon auf dem höchsten Punkt der Umgebung.

Die Rundumsicht zu Füßen der Jungfrau war dann so, dass man schon längere Zeit auf dem Hügel verweilen konnte. In die rund um den Platz gebaute Brüstung aus Beton waren die Namen von Orten aus aller Welt mit den jeweiligen Entfernungen eingetragen. Die näher gelegenen konnte ich mir auch betrachten, die meisten – darunter auch einige aus Deutschland – lagen aber so weit weg, dass sie nur im Kopf Gestalt annehmen konnten. Wie sollte es anders sein am Jakobsweg, auch Santiago de Compostella war unter den eingetragenen Orten. Unglücklicherweise lag in der angezeigten Richtung die Hügelkette des Beaujolais und so musste ich die Augen schließen und 1110 km weiter weg die Kathedrale vor meinem inneren Auge erscheinen lassen.

Nun stand ich also nach der ausgiebigst genossenen Rundumsicht vom Hügel der Jungfrau Notre Dame vor dem Wegweiser nach Pommier, der immer noch nach Osten zeigte, während das Dorf mir mit seinen mediterran gedeckten Dächern aus Süden zuwinkte. Aus dem Reiseführer wusste ich nämlich, dass zwischen Chalons und Lyon die Hausdächer von der nördlichen in die südliche Art der Dachdeckung übergingen, und wie ich sah, hatte er recht.

Wohl weil so ein Wegweiser doch einen gewissen offiziellen Charakter vermittelt, folgte ich ihm dann doch. Ich kam auch richtig in Pommier an, aber, wie insgeheim befürchtet, doch nach einem erheblichen Umweg. Er leitete mich in weitem Bogen durch die Weinberge, fast schien es mir, als läge seine eigentliche Absicht darin, mich möglichst an jedem der Höfe auf dieser Seite des Dorfes vorbeizuführen, was bei ausreichender Zeit meinerseits und damit möglichen Degustationen auf jeder Domäne, sicherlich zu einer beschwingten Stimmung geführt hätte. Zeit hatte ich aber keine, es lagen ja noch wie kurz vorher gesehen, 1110 km vor mir.

So stand ich bald im Ortszentrum vor einer Tafel – und vor einer bekannten Entscheidung. Auf der Tafel war grob ein Wanderweg eingezeichnet, der mich auch zu dem von mir angestrebten Tagesziel geführt hätte, aber auch hier auf Kosten eines mehrere Kilometer langen Umwegs. Meine Wahl war dieses Mal schnell getroffen, sie fiel auf den direkten Weg, auch wenn dies zur Folge hatte, die wenig befahrene Landstraße entlang zu wandern.

Ich hatte die letzten Häuser des Dorfs gerade passiert, als ich auf der anderen Straßenseite etwas wahrnahm, was mein Interesse weckte. Eine hohe Mauer begeleitete dort die Straße, dahinter bewegten sich Köpfe gleichmäßig hin und her, d.h. einige Männer gingen gemeinsam in eine Richtung, danach wieder zurück, und dann wieder hin und wieder zurück. Was machten die da? Ich wechselte über die Straße, lugte über die Mauer, die älteren Herren spielten Boule.

Natürlich hatte ich jetzt ein wenig Zeit, ich stellte mich dazu und wurde auch bald gefragt, ob ich mitspielen wolle. Natürlich wollte ich nichts lieber als das, und nach einigen der guten Form halber vorgetragenen Sätzen wie „keine Kugeln dabei“ und „eigentlich nicht viel Zeit“, hatte ich dann auch schon drei Kugeln in den Händen. Nach meinen ersten gespielten Kugeln, die erkennen ließen, dass ich das Spiel einigermaßen gut beherrschte war das Hallo groß: „Un allemand, qui sais jouer la petanque.“ Ich musste genau erzählen, warum ich so spiele wie ich spielte, woher ich komme, warum ich unterwegs bin, was ich so mache in Deutschland. Nachdem das alles geklärt war, versicherten sie mir, dass ich „vraiment“ ein Glückspilz sei. Sie seien der Verschönerungsverein von Pommier, sie träfen sich nur einmal im Jahr, und gerade an diesem Tag sei ich jetzt bei ihnen vorbei gekommen – quel bonheur. Ich stimmte dem eifrig zu.

Nach einer halben Stunde unterbrach ein Ruf das Spiel: zu Tisch. Die schon zu Beginn durchgespielte Szene wiederholte sich, meine der Form halber vorgetragene Versicherung, dass ich jetzt weiter müsse, wurde mit großer Bestimmtheit übergangen und schon hatte jeder von uns ein Glas Weißwein als Aperitif in der Hand – ein Chardonnay aus dem Beaujolais, wie ich erfuhr. Leider war er etwas zu warm und deshalb in seiner Güte nur schwer einzuordnen, ich lobte ihn natürlich sehr.

„Celine kommt gleich vorbei und bringt zum Essen auch ihren Roten mit“ sagte man mir, Celine war die Produzentin des guten Tropfens, den wir im Glas hatten.

Nach dem Aperitif begaben sich auf Anweisung von Jean-Luc, der sich nach und nach als derjenige herauskristallisiert hatte, auf den man hörte, alle nach oben ins Hauptgebäude des großen Gutes, in einen hallenartigen Raum. In der Mitte waren mehrere Tische zu einer langen Tafel aufgereiht.

Das Mahl war noch nicht ganz fertig und Celine war auch noch nicht eingetroffen. Ohne sie konnte konnte sowieso nicht begonnen werden, da sie ja den Wein lieferte. „Öffnet den Champagner“, rief Jean-Luc die Korken taten ihre Pflicht und knallten und der Champagner füllte die Gläser. Er erwies sich als etwas schlichter Vin mousseux aus dem Jura, aber er war wenigstens trocken und ein Glas konnte da ja nicht übermäßig schaden.

Celine ließ immer noch auf sich warten und Frederic kündigte, um die Wartezeit zu überbrücken und wohl auch um den Gast aus Deutschland gebührend zu unterhalten, den Vortrag eines Trinklieds an. Bei einigen seiner Mitstreiter zur Verschönerung des Heimatdorfs glaubte ich einen leidenden Blick zum Himmel oder auch ein Stirnrunzeln zu sehen, aber Frederic begann auch schon mit der Vorführung. Ich konnte den Text nicht vollständig versehen, was sich mir erschloss war, dass er von zwei Personen handelte, von ihm selbst und einer jungen Dame, deren Reize und deren Wirkung auf ihn er unter großem stimmlichen und theatralischen Einsatz schilderte. Immer wieder tauchten im Text französische Weinanbaugebiete auf, die offensichtlich in zweideutigen Anzüglichkeiten zu der Angebetenen standen. Bei einem Teil der Zuhörer verstärkte sich das Stirnrunzeln, bei einem anderen Teil rief der Vortrag laute Zurufe und Beifallsbekundungen hervor, kurz – die Stimmung hob sich beträchtlich, was Frederic dazu animierte, sofort nach Beendigung des Trinklieds und nach verebbtem Beifall, ein weiteres anzukündigen und auch sofort damit zu beginnen, was die Beifallsbekundungen noch verstärkte.

In diese brodelnde Atmosphäre hinein trat Celine, die Winzerin, zur Tür herein und mit einem Schlag sah sich der bedauernswerte Frederic aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit ins zweite Glied zurückversetzt – der Wein war da, das Essen konnte beginnen. Alle eilten zu ihren Plätzen, der erste Gang wurde aufgetragen, und auch hier war es wie schon unzählige Male in der Partnerstadt zuvor erlebt und genossen, die unvermeidliche Wurstplatte mit grünem Salat. Dazu gab‘ s von Celine den aktuellen Jahrgang ihres Beaujolais, ein frischer, süffiger Wein mit wenig Säure und fruchtigem Kirscharoma, er passte bestens zu der doch recht fetten Wurst.

Zwischen dem Abräumen der Teller und dem Auftragen des Hauptgangs wurde Frederic noch einmal ausgiebig gelobt für seine gelungenen Vorträge, das Lob wurde dann mit fließendem Übergang weitergetragen an den Koch für sein Lamm, sein Katoffelgratin und das Bohnengemüse des Hauptgangs. Celine präsentierte einen schon fünf Jahre alten Beaujolais, der sich zu meiner Überraschung sehr gelungen zeigte. Die Frische hatte etwas gelitten, an seine Stelle war ein weiches und rundes Mundgefühl getreten, das Kirscharoma präsentierte sich noch etwas intensiver. Welch Überraschung, fünf Jahre der positiven Reife hätte ich einem einfachen Beaujolais nicht zugetraut.

Zum Abschluss wurde eine Platte mit Hartkäse gereicht, auch das kannte ich schon aus der Partnerstadt. Hier bewährte sich als Wein wieder der aktuelle Jahrgang, seine frische Fruchtigkeit harmonierte bestens mit dem Käse.

Beim abschließenden Kaffee brachte ich das Gespräch darauf, dass es für mich jetzt doch höchste Zeit wäre, meinen Marsch fort zu setzen, damit ich mein Tagesziel noch erreichen könnte. Das wurde nicht akzeptiert, zuerst müsse noch eine Partie Boule gespielt werden. Ich müsste danach auch nicht zu Fuß weitergehen, natürlich würde man mich mit dem Auto dort hin fahren. Ich widersprach und wir einigten uns darauf, mich die nächsten 10 km zu fahren, von wo ich noch 5 km Wegs vor mir hatte.

So geschah es dann, ein später eingetroffener und deshalb noch nüchterner Pensionär fuhr mich und Frederic ließ es sich nicht nehmen, noch die Fahrt mit mir zu teilen.

Jetzt hat mein Jakobsweg ein fußläufiges Loch von 10 Kilometern.

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