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Weinbewertung

Newsletter 16 vom 25. März 2008

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Heute möchte ich mich mit einem Thema befassen, das für alle die interessant ist, die sich mehr oder weniger intensiv mit Weinbewertungen befassen und sich vielleicht auch beim Kauf von Wein daran orientieren.

Will man einen Wein bewerten, so kann man das natürlich zuerst einmal so tun, wie man viele Dinge des Alltagslebens auch bewertet: Man beschreibt den Wein mit Worten. Man bezieht sich dabei auf die mit Augen, Nase und Gaumen erfahrenen Sinneseindrücke, beschreibt diese mit Worten und separiert sie gewöhnlich nach den folgenden Kriterien:

  • optische Beurteilung
  • geruchliche Beurteilung
  • geschmackliche Beurteilung
  • Beurteilung regionaler und/oder sortenspezifischer Typizität
  • Beurteilung des Zusammenspiels aller im Wein wahrzunehmenden Komponenten
  • Gesamteindruck / aktueller Trinkzustand / Entwicklungspotential
  • Beurteilung des Qualitäts-Preis-Verhältnisses.

Diese Art der Beurteilung kann auch wirklich brauchbare Informationen liefern. Allerdings kann sie - wenn sie ernsthaft und gründlich erfolgt ist - relativ umfangreich geraten und durch den Gebrauch von Insider-Vokabeln und Fachausdrücken für den Nichtfachmann nicht immer verständlich sein.
Darüber hinaus finden sich in diesen Beschreibungen der Weinexperten oft blumig umschreibende und lautmalerisch beschreibende Bewertungen, die in ihrer Prosa sicher bemerkenswert sind, letztendlich aber in ihrer manchmal überspannten Art ihrem eigentlichen Zweck, der Information nicht immer dienen. Vielleicht findet man wegen dieser Beschreibungs-Problematik immer häufiger ganz lapidar eine Bewertung nach Punkten - meist im 20er oder 100er System - und sonst weiter nichts.
Diese Bewertungen erfreuen sich einer stetig wachsenden Beliebtheit, denn nichts lässt sich schneller publizieren und mitteilen, als eine Zahl und nichts ist auf der ganzen Welt besser verständlich. Da Wein jedoch sensorisch einfach zu komplex und natürlich auch zu abhängig vom persönlichen Eindruck des Degustators ist, als dass eine nackte Zahl für einen anderen eine wirklich erschöpfende Aussage über die Güte machen könnte, ist diese Art Wein zu bewerten nicht unproblematisch. Darüber hinaus muss festgehalten werden, dass das jeweilige Punkteschema vom Beurteilungssystem so aufgebaut ist, dass zur wirklichen Unterscheidung nur jeweils die obere Hälfte der Gesamtpunkte herangezogen wird. Im Klartext heißt dies, dass ein Wein mit 11/12 oder 60 Punkten – je nach Bewertungsskala – ein grauenhafter Wein ist.

Zur Frage des persönlichen Eindrucks noch einige Anmerkungen. Im Januar 2008 führten Wissenschaftler am California Institute of Technology eine Versuchsreihe zur Wertschätzung eines Weines in Abhängigkeit vom Preis durch. Die Teilnehmer des Versuchs erfuhren über den Wein den sie bewerten sollten einzig und allein den angeblichen Preis, der jedoch in den meisten Fällen nicht mit dem tatsächlichen übereinstimmte. Fast immer bewerteten die Teilnehmer den Wein als den besseren, der auch als teurer angegeben war. Der Wein, der in Wahrheit fünf Dollar kostete, erhielt eine viel höhere Bewertung, als er mit 45 Dollar etikettiert wurde. Umgekehrt wurde ein Wein, der tatsächlich 90 Dollar kostete, als mäßig eingestuft, nachdem er als 10-Dollar-Wein angekündigt wurde.

Ein weiteres erhellendes Ereignis ist von der letzten Blindprobe der Weine des Jahrgangs 2005 aller klassifizierten Grand Cru Güter des Medoc zu berichten, durchgeführt von einem über alle Zweifel erhabenen Team im Auftrag der Zeitschrift „Decanter“, auch dies eine der angesehensten Weinzeitschriften der Welt. Nach der Verkostung blieben drei Weine übrig, die mit Abstand die höchsten Bewertungen erhalten hatten, alle drei aus Pauillac. Zwei davon gehören zur Creme der Güter, Mouton Rothschild (Premier Grand Cru) und Pichon Baron (Deuxième Grand Cru). Der dritte war eine Sensation, die bei der Veröffentlichung große Aufregung und ein Raunen im Saal verursachte, Pedesclaux (Cinquième Grand Cru).
In Fachkreisen wird das Ergebnis dieser Probe in den entsprechenden Blogs im Internet sehr lebhaft und kontrovers diskutiert, erhellend ist der Beitrag eines Mitglieds des Verkostungsteams. Er schrieb, dass seine erste Reaktion nach Veröffentlichung des Pedesclaux große Verärgerung darüber war, diesen nicht allzu angesehenen Wein so hoch bewertet zu haben. Er räumt freimütig ein: „Ich glaube, wenn ich gewusst hätte, welcher Wein Pedesclaux war, hätte ich ihn nicht so hoch bewertet.“

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